


Ich schreibe diesen Blog während kurz vor meiner Nacht – Totenwache am Sarg meiner Schwiegermutter.
Er soll Freunden, Bekannten und Interessierten einen kleinen Einblick in die Lebensweise hier in Nicaragua geben.
Vorgeschichte;
Meine Schwiegermutter – ist etwa 5 Jahren verwitwet:
Ihr vergötterter Gatte verschlief nach einer geduldig ertragener Krankheit und an den Folgen von Diabetes.
Die Familie zählt hier unten zu den Führenden: Zwar praktisch verarmt, gelten sie von hoher Herkunft und im kastenartigen Denken der Nicaraguenser hat das zig Mal mehr Wert als aller Reichtum.
Seit Monaten hat sich die Gesundheit fast dramatisch verschleiert. Anfänglich wollten die Ärzte – allen voran Tochter und Schwägerin Mathilde nichts von Krebs wissen.
So wurde die Schwiegermutter erst in praktisch allen bedeutenden Spitäler hier in Nicaragua untersucht und behandelt – und später gar nach Mexiko geflogen, wo sie in einem Krebskrankenhaus eines Verwandten behandelt wurde.
Doch bald war es klar, dass die Krankheit stärker als die Medizin ist.
Nun wurde sie fast täglich im Ortkrankenhaus mit Frischblut und Frischzellen versorgt, um den Zerfall so gut wie möglich zu stoppen. Als auch diese Behandlung keine Verbesserung mehr brachte, entschloss man sich für eine Morphium Abgabe. Doch auch diese wurden nur sehr sporadische zugebilligt, da man in der Familie und bei Ärzten sowie Kirche der Ansicht ist, dass das Leiden am Schluss des Lebens nicht nur von Gott gewillt – sondern gar gefällig ist!
So durchwachten wir manche Nacht neben der erst vor Schmerzen laut schreiender – später aus Kräftemangel leise vor sich hinweinender Leidender!
Vor vier Tagen war es dann klar, dass ihr nur noch Stunde oder wenige Tage blieben.
Auf speziellen Wunsch wurde der an Alzheimer Krankheit leidende alte Dorfpfarrer aufgeboten, der wegen seiner Krankheit keine Sakramente mehr gibt: Doch bei der alten Dame machte auch er eine Ausnahme. Sie war recht gut ansprechbar bei der Zeremonie, an der die gesamte enge Verwandtschaft Anteil nahm: Rund 50 Personen.
Dann am Freitag wurde beschlossen, dass Familiengrab zu öffenen. Hierzu beauftragt man einen entfernten Verwandte, der dann seinerseits Arbeiter im Dorf zusammenruft, welche die Grube ausheben. Am Samstag dann gemeinsamer Weg zum Sargtischler, der den Auftrag für einen besonders prunkvollen, weissen Sarg mit Rüscheneinsatz bekam. Natürlich hatte der schon ein Grundmodell auf Lager und musste nur noch die Detailwünsche von uns ausführen.
In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag schlossen sich dann die Augen für immer.
Obwohl der Tod eine Erlösung von Leid und Schmerz darstellte, weinten die Kinder herzerweichend und fast 2 Stunden lang um die heimgegangene Mutter.
Dann aber war jede Hand gefragt: Obwohl das Haus fast klinisch sauber, wurde geputzt und geschmückt wie an hohen Festtagen.
Sofort nach dem der Tod eintrat, wurden die nächsten Verwandten per Handy aufgerufen. Gegen 04.00 Uhr bereits war die Verstorbene von Nachbarfrauen gewaschen und geschminkt. Riesige Blumensträusse wurden aus dem Garten geschnitten und im Sterbezimmer aufgestellt. Gegen 04.30 holte ich zusammen mit 4 Männer den vorbestellten Sarg, die Versehutensilien sowie Vorhänge, Leuchtersäulen, Sargpodest und so weiter: Alles kriegt man vom Beerdigungsfachbetrieb in Miete.
Dann machten sich die Männer der Verwandtschaft und sich an das Umbetten und Einsargen.
Rund 400 Plastikstühle holten wir bei einem Festvermieter gegen 05.00 und eine Harfenspielerin setzte sich vor die Türe zum Sterbezimmer.
Gegen 06.00 orientierte ich meine Farmarbeiter und holte die Frauen ins Dorf zur Mithilfe.
Eine halbe Stunde später wurde bei einem Nachbar Brötchen und Toastbrot eingekauft, um die nun schon in grosser Zahl eintreffenden Kondolenzbesucher zu bewirten.
Um 8.30 fuhr der Infowagen – ein Personenwagen mit auf dem Dach montierten Lautsprecher durchs Dorf und orientierte die Bevölkerung über den Hinschied.
Zu dieser Zeit kaufte ich im Supermarkt gross ein: 72 3-Liter-Flaschen Cola, rund
Gegen 10.00 trafen drei ehemalige Hausangestellte ein: Ohne dass sie aufgefordert wurden machten sie sich im Hause nützlich und halfen beim Essenvorbereiten und Servieren!
Der Fussboden wurde dabei alle paar Minuten feucht aufgenommen und Sarg
Da es nach Regen aussah, organisierten wir flugs drei Marktzelte und stellten sie vor dem Hause auf – die Polizei wurde benachrichtigt uns sperrte die Hauptstrasse für und 36 Stunden.
Nun trafen laufend weitere Kondolenzbesucher ein, meist mit Blumen oder anderen Geschenken in der Hand. Frauen stimmten spontan Kirchenlieder an. Einige hatten eine Bibel oder Gebetbücher dabei und lasen Bibelstellen und Gebet laut vor: Ohne eine Organisation wurde so den ganzen Tag über Andacht um Andacht gehalten.
Inzwischen war der Sarg vor lauer Blumengebinden kaum mehr zu sehen. Dabei muss man wissen, dass um diese Zeit kaum Blumen wild oder in Gärten wachsen! Viele waren daher Kunstblumen – andere haben die Trauergäste flugs per Bus oder Expressdienste in der Hauptstadt oder in den Bergdörfer bestellt!
Eigentlich verlangt die Tradition, dass die Erdbestattung innert 24 Stunden zu erledigen sei: Da aber noch Familienmitglieder aus den Atlantikregionen sowie aus Mexiko und anderen Staaten erwartet wurde, konnte man mit dem Pfarre eine Ausnahmeregelung erzielen, und die Beisetzung anlässlich einer Messe morgen um 10.00 vormittags ansetzen.
Jetzt – um 21.oo sitzen noch immer weit mehr als 300 Personen vor dem Haus, unterhalten sich leise oder stimmen in eines der spontanen Gesange oder Gebete ein.
Ich werde nun schlafen gehen, um gegen Mitternacht die Nachtwache zu übernehmen, damit auch meine Frau ein paar Stunden Schlaf bekommt.
00.15: Ich fand keinen richtigen Schlaf und da noch immer um die 100 Besucher anwesend sind, musste ich auch keine Wache übernehmen. So bleibt Zeit für ein paar weitere Einträge:
Noch immer sind 2 der ehemaligen Hausangestellten hier und bedienen ununterbrochen die Gäste. Alle Viertelstunden gehen sie mit Kaffe, gekühltem Mineralwasser, Fruchtsäften sowie Kuchen und Rosquilla – eine Spezialität hier im Ort – durch die Reihen.
Einige konnten es nicht lassen, und steckten sich die Leckereien in die Tasche – wohl um die halbe zu Hause gelassene Familie mitzuversorgen!
Auch ein paar Schmarotzer benutzten die Gelegenheit: Zwar wurden offensichtlich Betrunkene und Bettler sanft weggewiesen: Doch zwei im Ort bekannte Originale schmuggelten sich dennoch unter die Gesellschaft: Der Eine nennt sich freier Journalist und Jurist – doch hat noch nie Jemand von ihm eine Zeile gelesen. Er setzte sich mitten in die engere Verwandtschaft und liess sich von den Angestellten versorgen. Kaum ein gefülltes Servierblech schaffte den Weg an ihm vorbei! Der Andere einst ein beliebter Arzt und hervorragender Chirurg – heute Alkoholiker. Obwohl es in dieser Nacht keinen Alkohol im Hause gab, blieb er bis zum Morgengrauen – meist schnarchend in einem Schaukelstuhl hängend – aber stets hellwach, wenn sich wieder eine gefüllte Servierplatte in seine Richtung bewegte!
Besonders beeindruckend auch, dass sämtliche Nachbarn ebenfalls die ganze Nacht ihre Türe geöffnet hatten und so Licht für die auf der Strasse sitzenden Menschen spendeten. Viele brachten ihrerseits Kuchen und Esswaren mit und halfen, die Masse zu verköstigen.
Die Stimmung ist gelöst: Die Gebete sind verstummt und haben einer in Gruppen lebhafter Geschwätzigkeit Platz gemacht. Da und dort hört man vereinzelt gar Lachen. Auch die Kinder der Verstorbenen sind wohl durch die starke Beanspruchung mit der Bewirtung der Gäste vom Kummer abgelenkt worden und plaudern mit der Gruppen – mal da und dort. Stets aber sind 2- etwa 10 Frauen neben dem Sarg in stiller Andacht.
Inzwischen ist es drei Uhr: Die Besucherzahl hat sich auf etwa 50 reduziert. Etwas eigenartig empfand ich es, dass die allermeisten Besucher einfach irgendwann mal aufstanden und nicht nach links oder rechts blickend und vor allem ohne jeden Abschiedsgruss sich nach Hause begaben: Offenbar eine weitere – bisher unbekannte Tradition hier.
Dann passierte es:
Schon seit einer Stunde etwa sitzt eine Gruppe zum Teil stark alkoholisierter Männer in der Nähe der beiden Zelte für die Trauergäste. Anfänglich eher ruhig, verlangten sie bald einmal, auch etwas vom reichen Mahl abzubekommen. Die Familie war strikte dagegen – einer meiner Schwiegersöhne und ich aber setzten uns durch und wir gaben den Männer die sonst nur für die Familie reservierten Hauptspeisen.
Die aber waren damit nicht zufrieden und verlangten Schnaps, Kaffe und Bier!
Einer davon war besonders aggressiv in der Forderung und bedrohte uns gar. Meine Frau rief die Polizei! Doch es brauchte noch 4 weitere Anrufe, bis endlich ein Polizeifahrzeug eintraf.
Erst liessen sich die Polizisten viel Zeit und blieben an den beiden Seitenstrasse vor dem Hause stehen und beobachteten die Szene. Meine Frau ging zu ihnen und zeigte den Aggressivsten der Gruppe an. Dieser wurde dann nach einem Hin- und Her auch in Handschellen abgeführt. Die Polizisten halfen, von die Anderen von unseren Stühlen zu vertreiben, sodass wir diese ins Haus nehmen konnten.
Kaum war das Polizeifahrzeug um die Ecke verschwunden, kamen die Männer zurück und wollten sich die Stühle wieder holen. Nun hatten sie auch neuen Schnaps in den Händen, welchen sie irgendwo besorgt hatten.
Wir beschlossen, die restlichen Trauergäste ins Haus zu holen und die Strasse vor dem Haus den Alkis zu überlassen.
Hier fingen diese wieder zu beten an und inner kurzer Zeit war wieder besinnliche Ruhe eingekehrt.
Die Polizeistreife kam nun jede halbe Stunde vorbei und schaute, ob alles ruhig geblieben ist. Wir gaben dem 5-Mann-Team jedes Mal Kaffe und etwas Süsses. Die Alkis ohne den aggressiven Anführer verhielten sich diszipliniert und bekräftigten den Polizisten, dass das so bleiben werde.
Gegen 04.30 verliessen die letzten Trauergäste das Haus. Unsere beiden so tüchtigen Helferinnen fingen sofort an, den Riesenhaufen Unrat – vor allem Papierbecher und Teller – zusammen zu kehren. Erfreut sah ich, wie auch die Alkis zu Besen griffen und ihrerseits ihre Ecke säuberten. Gemeinsam füllten wir so in Kürze 15 grosse schwarze Abfallsäcke! Im Hause blieben neben meiner Frau und ihrer zwei Schwestern nur noch ein paar Nachbar – Jugendliche, die beiden Helferinnen sowie eine Freundin der Verstorbener.
Ich schreibe noch diese letzten Nachtzeilen und gehe anschliessend auf die Farm, um die Tiere zu füttern und die Arbeiter einzuteilen. Schon machen sich der junge Tag mit den ersten Lichtstrahlen bemerkbar: Es wird der Tag der Beisetzung sein.
Die Beerdigung 2. Blog Teil
Auch diese Nacht ging für die Meisten der engsten Verwandten wieder schlaflos vorbei: Für manche war dies nun schon die dritte schlaflose Nacht in Serie: Tiefe, schwazen Augenringe waren stille Zeugen dieser Tortur.
Gegen 06.00 trafen die ersten, neuen Trauergäste ein. Wieder hiess das, Kaffe und Kuchen bereitstellen und verteilen.
Das Fenster am Sarg war geschlossen: Nur zu den stündlichen Gebeten wurde es geöffnet und die Trauernden warfen jeweils einen Blick auf das scheinbar friedlich schlafende Gesicht.
Gegen 08.30 hatten sich wieder eine etwa 200-Mann-starke Trauergemeinde versammelt. Wieder wurden Stühle auf die gesperrte Strasse gestellt und Neueintreffende jeweils einen freien Platz zugewiesen.
Um 08.45 dann das letzte grosse Gebet – diesmal auch mit Gesängen und einer Gitarrenbegleitung.
Zeit für die Töchter, endgültig Abschied zu nehmen! Die Kinder küssten eine nach der Anderen die Glasscheibe und weinten herzzerbrechend. Ich versuchte meine Frau wortlos zu trösten und zog sie schliesslich sanft aber bestimmt vom Sarg weg. Auch die engsten Freundinnen liessen wir noch kurz einzeln an den Sarg – danach schloss ich das Fenster.
09.15 trugen 5 Männer und ich den Sarg aus dem Hause und luden ihn auf eine Camionetta – also ein Personenwagen mit offener Brücke. Ein weiteres gleiches Fahrzeug von einer befreundeter Organisation nahm einen Teil der unzähligen Blumenarangemente auf.
09.30 setzte sich der Trauerzug im sehr langsamen Schritttempo Richtung katholische Kirche in Bewegung: Die Trauergemeinde war inzwischen gegen 500 Personen angewachsen.
Pünktlich – hier schon fast ein kleines Wunder – las der Ortspfarrer eine heilige Messe. Begleitet von einer 5-köpfiger Gesangsgruppe und mit Gitarrenbegleitung verlas er passende Bibelstellen und hielt eine sehr eindrückliche Predigt.
Schon beim Segnen des Sarges und beim Verteilen der Hostien konnten sich die Frauen – welche bisher der Feier bewundernswert stark mitgetragen hatten, nicht mehr halten und das anfängliche Schluchzen schwoll zu mehr oder weniger starkem Weinen an.
Meine Mannen und ich trugen den schweren Sarg nach der Messe wieder aus der Kirche, um ihn erneut auf die Camionetta zu laden. Fast 10 Minuten warteten wir vor der Kirche, bis sich die Frauen so weit gefangen hatten, das wir den Trauerzug Richtung Friedhof laufen lassen konnten.
Neben dem Fahrzeug mit dem Sarg folgte das zweite mit den Blumen und Kränzen sowie ein Drittes mit auf dem Dach montierten Lautsprecher, aus der ab Band Trauermusik dröhnte.
Vor dem Friedhof angekommen, stoppten die Wagen und der Sarg wurde erneut getragen: Diesmal überliess ich das anderen Männern.
Erstaunt gefasst folgten die Frauen und rund hundert Personen – meist Anverwandte und die besten Freunde dem Sarg. Anders als in Europa wird auch der letzte Akt durch die Familie gemacht:
So fasste auch ich einen der vorbereiteten Stricke und zu Acht hievten wir den weisse Sarg in die Grube.
Ein sonderbares Gefühl und eine sehr tief empfundene Erfahrung. Unweigerlich kam mir der Titel einer früherer Fernsehserie in den Sinn: „Wer jemals aus dem Blechnapf friss“ - - und ich war fast schon entschlossen, die Gedanke und Gefühle irgendwannmal in einen Blog mit dem Titel „Wer einmal den Sargstrick in Händen hielt“ – zu fassen!
Die Grube selbst war eine ganz Besondere: Nicht wie üblich auf 1.80m – sondern auf 2.60m ausgehoben. Der Boden wurde mit Beton und Eisen betoniert. Darauf wurde eine doppelte Backsteinmauer im Rechteck und in der Grösse des Sarges aufgemauert. Die äussere Mauer war dabei bis auf Erdhöhe aufgezogen, die innere Mauer nur etwa
Der Sinn des grossen Aufwandes: So können in der gleichen Grube bis 3 Leichen beigesetzt werden! Da man hier schon zu Lebzeiten einen Platz auf dem Friedhof kauft und das sehr grosse Familiengrab fast voll ist, hat sich die Familie dazu entschlossen, damit auch zukünftig Heingegangene im Familienverbund für immer schlafen können.
Nach diesen Arbeiten – welche rund 1 ½ Stunden in Anspruch nahmen – erledigt waren, löste sich die Trauergemeinde auf. Die engste Familie und ein paar Verwandte aus dem fernen Managua und Atlantik kamen mit zu uns nach Hause: Da stellten wir erschrocken fest, dass alle Vorräte aufgebraucht waren!
Ich kam fast schon in Panik, da sich mein Hunger stark bemerkbar machte. Da klopfte es an der Türe, und eine entfent Verwandte stand davor und brachte einriesiges Blech mit gebratenen Poulet – Flügel und Beine!! Oh – welch herrlicher Duft! Schnell kaufte ich in einem Laden an der Ecke noch ein paar Dutzend Pommes – Chips in Beutel sowie 6 Doppelliter Limonade und
Kleiner Wermutstropfen: Fast keiner rührte mein Bier an uns man mokierte, dass man lieber das rund doppelt so teure Bier in Dosen trinke!!! Leicht verschnupft maulte ich – dann kauft es Euch selbst! – Was dann auch einige machten!
Na ja, so habe ich nun ein Tag nach dem Begräbnis noch etwas übrig, um das tippen dieses Blogs leichter zu machen.
2.10.07 09.18
HpZ

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